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20.01.2021

Interview Fernwärmesatzung

Die Stadtzeitung spricht mit Dominik Neswadba, Geschäftsführer der Ahrtal-Werke über eine mögliche Einführung einer Fernwärmesatzung für das Stadtgebiet Bad Neuenahr.

Stadtzeitung: Herr Neswadba, derzeit wird das Vorhaben diskutiert, im Stadtgebiet von Bad Neuenahr eine Fernwärmesatzung einzuführen. Was ist der Hintergrund der Diskussion?
Ahrtalwerke: Die Stadtverwaltung wurde durch einen Zusammenschluss mehrerer Fraktionen beauftragt eine Satzungseinführung zu prüfen. Der Grundgedanke der Antragsteller ist dabei ökologischer Natur. Ziel ist der Schutz des Klimas sowie der Luftqualität unseres Kurortes. Ein solch weitreichendes Vorhaben kann aber nur gelingen, wenn die ökologische Zielsetzung mit wirtschaftlicher Effizienz und einer geringstmöglichen Belastung der Bürgerinnen und Bürger durch die Baumaßnahmen einhergeht. Und genau da setzt der Gedanke einer Fernwärmesatzung an.

Stadtzeitung: Warum ist eine Fernwärmesatzung sinnvoll oder besonders umweltfreundlich?
Ahrtalwerke: Die Fernwärme der Ahrtal-Werke wird mit einem zertifizierten Primärenergiefaktor von 0,00 produziert. Das ist gleichbedeutend mit dem Einsatz von 100% erneuerbarer Energie in der Wärmeerzeugung und schont so die Umwelt. Wir gehen davon aus, bei vollständiger Erschließung des Satzungsgebietes, in Summe durch unsere klimaneutrale Fernwärme gegenüber einer fossilen Brennstoffnutzung mehr als 40.000 Tonnen CO2 jährlich einsparen zu können.

Stadtzeitung: Bietet eine Satzung neben dem ökologischen Vorteil auch der Bevölkerung einen Nutzen?
Ahrtalwerke: Ja, denn mit einer Satzung verpflichtet eine Stadt das Fernwärmeversorgungsunternehmen, den Einwohnern eine ökologische Wärmeversorgung über das Fernwärmenetz bereitzustellen. Dadurch wird eine zügige und nachhaltige Infrastrukturentwicklung gesichert. Bezogen auf Bad Neuenahr-Ahrweiler bedeutet das, dass unseren Einwohnern die Möglichkeit einer wirtschaftlichen Nutzung von erneuerbarer und somit nachhaltiger Wärmeenergie, verbunden mit einer sehr hohen Anschluss- und Versorgungsverlässlichkeit offeriert wird. Weiterhin können dadurch der Ausstoß an klimaschädlichen Emissionen im Stadtgebiet nachhaltig begrenzt und Klimaschutzziele erreicht werden.

Stadtzeitung: Also eine Chance. Aber gehen damit nicht Kosten für unsere Mitbürger einher?
Ahrtalwerke: Nein. Das Thema Bestandsschutz hat im Rahmen der diskutierten Grundlage eine hohe Bedeutung. Niemand müsste bei einer Satzungseinführung umgehend seine Heizung umstellen. Eine Verpflichtung zur Nutzung von Fernwärme ist lediglich für den Neubau geplant, wenn ohnehin eine Heizung angeschafft wird. Im Bestand soll erst dann umgestellt werden, wenn die bestehende Heizung erneuert werden muss.

Stadtzeitung: Kommt es zu einer Monopolbildung durch eine Satzung? Werden andere Heizsysteme ausgeschlossen?
Ahrtalwerke: Die Satzung ist lediglich eine Festschreibung ökologischer Mindeststandards. Das ist sehr wichtig zu verstehen. Der Entwurf sieht vor, dass jedes Alternativsystem, welches einen gleichen ökologischen Nutzen sichert auch zukünftig eingesetzt werden kann. So könnte beispielsweise auch eine Pellet oder Hackschnitzelheizung eingesetzt werden, sofern der CO2-Emissionsfaktor der durch den Wärmeversorger produzierten Fernwärme entspricht oder besser ist. Eine Satzung schließt somit nur klimaschädlichere Technologien aus. Dieses Ziel soll aus Verantwortungsbewusstsein gegenüber nachfolgenden Generationen nachhaltig verfolgt werden.

Stadtzeitung: Bin ich nach Einbau des Heizsystems von der preislichen Willkür der Ahrtal-Werke abhängig?
Ahrtalwerke: Absolut nicht. Mit den Allgemeinen Versorgungsbedingungen Fernwärme existiert eine gesetzliche Grundlage, die Fernwärmekunden absichert. Die Anpassung der Preise erfolgt durch eine mathematische Formel, die an Indizes des Statistischen Bundesamtes gekoppelt ist. Jeder Nutzer kann Anpassungen anhand dieser Indizes transparent nachvollziehen. Sie lässt keinen individuellen Spielraum für das Fernwärmeversorgungsunternehmen zu. Die vom Gesetzgeber vorgeschriebene Einbeziehung eines „Wärmemarktgliedes“ verhindert darüber hinaus, dass sich der Fernwärmepreis langfristig von den Preisen der andern Heizsysteme entkoppelt. Eine Wettbewerbsfähigkeit ist somit dauerhaft garantiert.

Stadtzeitung: Ist der Einsatz von Fernwärme wirtschaftlich für die Nutzer?
Ahrtalwerke: Gerade im Neubau ist der Einsatz von Fernwärme besonders attraktiv. Neben vielen weiteren Vorteilen, erfüllen Fernwärmekunden alle Anforderungen der Energieeinsparverordnung. Dies verursacht deutliche Kosteneinsparungen im Bauprojekt. Auch langfristig zeigt sich die Vorteilhaftigkeit. Ein Kunde bezieht Wärme. Nach einmaliger Erstellung ist deshalb nie wieder eine Heizungserneuerung nötig. Dies ist dann Aufgabe des Fernwärmeversorgers. Wenn dagegen eine Ölheizung kaputt geht müssen Sie eine neue kaufen.

Stadtzeitung: Kann ein Kunde nicht einfach freiwillig Fernwärme beziehen? Bekommt er auch einen Anschluss, wenn er am äußeren Rand des Satzungsgebietes wohnt?
Ahrtalwerke: Als Ahrtal-Werke versorgen wir jeden Kunden gerne mit Fernwärme. Eine flächendeckende Umsetzung kann aber nur erfolgen, wenn die Belastungen der Bürgerinnen und Bürger so gering wie möglich gehalten werden. Diese Belastungen können nur bei einem strukturierten und koordinierten Netzausbau reduziert werden. Wenn man heute weiß, dass perspektivisch ein Fernwärmenetz entsteht, kann bei jeder Baumaßnahme die ohnehin stattfinden muss, Fernwärme mitverlegt werden. Durch diese Planungssicherheit können trotz hoher Infrastrukturerstellungskosten Investitionen getätigt, ein zügiger Infrastrukturaufbau betrieben und frühzeitige Versorgungszusagen für interessierte Kunden erfolgen. Gerade für Kunden die nicht direkt an einer bestehenden Fernwärmetrasse wohnen ist dies ein immenser Vorteil.

Stadtzeitung: Wäre es nicht kontraproduktiv sich heute auf Fernwärme festzulegen, wenn zukünftig eventuell noch umweltfreundlichere Methoden zu Heizzwecken entwickelt werden könnten?
Ahrtalwerke: Gerade in Bezug auf zukünftige Entwicklungen stellen wir uns heute mit einer Satzung gut auf, da wir eine primärenergieträgerunabhängige Basisinfrastruktur aufbauen. Sollte zukünftig ein effizienteres System zur Wärmeerzeugung entwickelt werden, könnte die heutige Wärmeerzeugung zentral ersetzt werden. Dadurch würde umgehend das gesamte Netz mit der neuen Technologie noch umweltfreundlicher versorgt werden, ohne dass Endkunden eine Investition tätigen müssten.

Stadtzeitung: Kritiker machen sich Sorgen um innovationshemmende und investitionshemmende Auswirkungen bei der Suche nach der optimalen Lösung für die Energiewende.
Ahrtalwerke: Ich möchte nochmals betonen, dass eine Satzung, nicht dem Ausschluss von Alternativsystemen gleichkommt, sondern bewusst einen ökologischen Mindeststandard in Bezug auf das Heizsystem festsetzt. Insbesondere durch die Entwicklung eines Mindeststandards in Bezug auf eine ökologisch nachhaltig geprägte Energiebereitstellung wird die Entwicklung innovativer Ansätze fördern. Die geforderte Technologieoffenheit für ökologisch vergleichbare Systeme wird explizit gewahrt. Ein Kunde wird sich dabei nur für Fernwärme entscheiden, wenn diese bei gleichem ökologischen Nutzen wirtschaftlich vorteilhaft ist. Auch ein Investitionshemmnis ist nicht erkennbar, da der großflächige Ausbau eines Fernwärmenetzes sowie die Erstellung zukünftiger Hausanschlüsse umfangreiche Investitionen voraussetzt. Der Vorteil für die Bevölkerung ist, dass diese Investitionen hauptsächlich von den Ahrtal-Werken getragen werden.

Stadtzeitung: Demnach ist eine Satzung kein Zwang, sondern vielmehr als Chance zu werten?
Ahrtalwerke: Genau. Der Ausweis eines Satzungsgebietes ist eine Chance gemeinwohlorientiert, im Rahmen einer Solidargemeinschaft die Klimaschutzziele der Stadt zu erreichen und den Klimawandel nachhaltig zu bekämpfen. Denn Fernwärme ist eine leitungsgebundene und somit im Netzaufbau für den Investor kapitalintensive Wärmeversorgung. Viele Kunden können nur dann angeschlossen werden, wenn sich die Gesamtmaßnahme refinanziert. Nur durch ein Satzungsgebiet ist ein flächendeckender Ausbau mit frühzeitigen Versorgungszusagen sowie der geringstmöglichen Belastung der Einwohnerinnen und Einwohner durch Baumaßnahmen möglich. Einen nachhaltigen ökologischen Effekt können wir nur gemeinsam erreichen. Deshalb befürworten wir als Ahrtal-Werke das Vorhaben der antragstellenden Fraktionen.

Stadtzeitung: Wenn eine Fernwärmesatzung die beschriebenen Vorteile bietet, müssten dann nicht auch andernorts vergleichbare Ideen existieren?
Ahrtalwerke: Auch da haben Sie recht. Beispiele für entsprechende Satzungen werden in Deutschland bereits vielfältig umgesetzt. Spontan zu nennen sind Städte wie Schwäbisch Hall, Rostock, Potsdam, Wiesbaden, Heidelberg, Kaiserslautern oder viele andere. In Berlin wird derzeit auf Landesebene sogar über eine Solar-Pflicht diskutiert. Leider gibt es aber auch heute immer noch viele Städte in Deutschland, in denen man einerseits Umweltschutz propagiert, eine Umsetzung möglicher Maßnahmen aber nicht erfolgt. Das ökologische Problembewusstsein, verbunden mit der Suche nach nachhaltigen Lösungsansätzen ist also kein Alleinstellungsmerkmal. Den Wunsch unserer Stadt, Verantwortung im Bereich der Energiewende zu übernehmen und dadurch einen Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel zum Schutz nachfolgender Generationen zu leisten, halten wir für außerordentlich begrüßenswert.

Stadtzeitung: Vielen Dank für das Interview.